Die Notstromkette ist so gut wie ihr letzter Probelauf
Maschinenraum, Folge 5: USV, Netzersatzanlage, Umschaltung, Kühlung. Jedes Glied kann für sich gewartet und abgehakt sein, und trotzdem fällt beim echten Stromausfall der Serverraum aus. Was Grundschutz++ und das bisherige Kompendium zu Lasttests und Funktionstests sagen und warum die Kette als Ganzes geprobt werden muss.
Ein Stromausfall an einem Dienstagnachmittag. Die USV übernimmt wie vorgesehen. Die Netzersatzanlage startet, aber die Umschaltung hängt. Die Batterien der USV sind vier Jahre alt und halten statt der geplanten fünfzehn Minuten nur noch sechs. Nach sieben Minuten ist der Serverraum dunkel. Jedes einzelne Gerät war gewartet, jede Wartung hatte ihr Protokoll.
Notstrom ist keine Anlage, sondern eine Kette: Netzausfall erkennen, mit der USV überbrücken, die Netzersatzanlage starten, umschalten, die Last tragen, die Kühlung weiterlaufen lassen und am Ende sauber zurück aufs Netz. Sie ist so stark wie das Glied, das zuletzt niemand unter Last gesehen hat.
Was Grundschutz++ verlangt
Im Anwenderkatalog Grundschutz++ (Stand 24.09.2026) heißt die Anforderung GEB.9.2 schlicht „Lasttest“: Das Gebäudemanagement für Standorte kann die Belastbarkeit der Stromversorgung regelmäßig überprüfen. Die Erläuterung nennt Beispiele:
„Beispiele sind ein monatlicher USV-Selbsttest oder ein halbjährlicher Volllastbetrieb des Generators für mindestens 30 Minuten.“
Bemerkenswert ist die Einstufung. In Grundschutz++ ist GEB.9.2 eine KANN-Anforderung der erhöhten Stufe. Das bisherige IT-Grundschutz-Kompendium, Edition 2023, war für den Fall, dass eine Netzersatzanlage vorhanden ist, strenger. In INF.2.A14 heißt es: „Bei diesen Wartungen MÜSSEN auch Belastungs- und Funktionstests sowie Testläufe unter Last durchgeführt werden.“ Wer eine Netzersatzanlage betreibt, ohne sie unter Last zu fahren, hat also nicht weniger Risiko, nur weil die neue Formulierung weicher klingt.
Warum die Kette geprobt werden muss
Den entscheidenden Satz hatte das Kompendium in INF.2.A19, Funktionstests der technischen Infrastruktur:
„Besonders ganze Reaktionsketten SOLLTEN einem echten Funktionstest unterzogen werden.“
Genau daran scheitert es in der Praxis. Der USV-Selbsttest läuft monatlich, die Netzersatzanlage wird beim Wartungsdienst im Leerlauf gestartet, die Umschaltanlage hat ihr eigenes Prüfintervall. Jeder Test ist bestanden. Getestet wurde aber nie, ob die Glieder in der richtigen Reihenfolge und unter echter Last zusammen funktionieren.
- Batterien altern leise. Die Autonomiezeit auf dem Datenblatt gilt für neue Batterien bei Nennlast. Wer sie nie mit einem Kapazitätstest gemessen hat, kennt nur die Zahl von vor vier Jahren.
- Die Last wächst. Jeder neue Server zieht an derselben USV. Eine Autonomie, die bei der Abnahme gereicht hat, reicht drei Jahre später vielleicht nicht mehr.
- Die Kühlung fehlt in der Rechnung. Klimaanlagen hängen oft nicht an der USV. Laufen die Server weiter, die Kühlung aber erst nach der Umschaltung wieder an, wird es schnell warm.
- Der Starter ist das schwächste Glied. Eine Netzersatzanlage mit leerer Starterbatterie ist ein Stück Metall.
Wie isidaten das abbildet
Im DCIM führt isidaten Netzersatzanlagen mit Zielautonomie, letztem Testlauf und dessen Ergebnis, dem nächsten fälligen Test und dem Zustand der Starterbatterie; überfällige Testläufe sind im Nachweisbericht markiert. Batteriestränge der USV haben Kapazität, Nennautonomie, Datum des letzten Kapazitätstests und erwartetes Lebensende. Betriebswerte der USV wie Restlaufzeit und Last kommen über die standardisierte UPS-MIB nach RFC 1628.
Die Prüffrage
Wann wurde bei Ihnen zuletzt das Netz tatsächlich abgeschaltet und zugesehen, ob die ganze Kette trägt, von der USV bis zur Kühlung?
Wenn die Antwort „bei der Abnahme“ lautet, kennen Sie den Zustand von damals, nicht den von heute.
Quellen
BSI, Anwenderkatalog Grundschutz++, Stand 24.09.2026, GEB.9.2 Lasttest (CC BY-SA 4.0). Bisher: IT-Grundschutz-Kompendium, Edition 2023, INF.2 Rechenzentrum sowie Serverraum, Anforderungen INF.2.A3, INF.2.A14 und INF.2.A19.
In der nächsten Folge: Kabeldoku, die stimmt, Inventur gegen Plan. Die vorige Folge: Ein vergessener Server zieht trotzdem Strom.
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