← Zurück zu News 21.08.2026

Nicht bedienbar, nicht bestanden

Eine Pflichtschulung mit 98 Prozent Abschlussquote sieht gut aus. Über die fehlenden zwei Prozent sagt sie nichts. Wer die Schulung nicht bedienen konnte, steht im Bericht genauso da wie jemand, der sie nicht wollte.

Eine Pflichtschulung wird zugewiesen, ein paar Wochen später steht die Abschlussquote im Bericht. 98 Prozent. Das sieht gut aus, und über die fehlenden zwei Prozent sagt der Bericht nichts.

Genau dort liegt das Problem. Wer die Schulung nicht bedienen konnte, steht im Bericht genauso da wie jemand, der sie nicht bearbeiten wollte: nicht abgeschlossen. Die beiden Fälle sind aus der Zahl heraus nicht zu unterscheiden, brauchen aber völlig verschiedene Reaktionen.

Das ist kein Schulungsproblem

Wenn jemand eine vorgeschriebene Unterweisung nicht abschließen kann, weil die Oberfläche es nicht hergibt, entstehen zwei Lücken auf einmal. Die Person hat die Inhalte nicht bekommen, und die Organisation hat keinen Nachweis über sie. Im Audit fehlt eine Zeile, und die Begründung dafür ist die unangenehmste, die es gibt.

Für öffentliche Stellen kommt eine rechtliche Ebene dazu, die oft übersehen wird. Die BITV 2.0 gilt nicht nur für die öffentliche Website. In § 2a steht ausdrücklich, dass auch solche Websites erfasst sind, die sich ausschließlich an einen abgegrenzten Personenkreis richten, wie Intranets oder Extranets. Ein internes Schulungsportal ist genau das.

Was wir gebaut haben

Unser Player für interaktive Schulungen erfüllt jetzt WCAG 2.2 auf Stufe AA und ist vollständig per Tastatur bedienbar. Ein paar Punkte daraus, weil sie zeigen, worum es dabei wirklich geht:

Der Fokus landet nach jedem Folienwechsel auf der Folienüberschrift und nach dem Prüfen einer Antwort auf dem Ergebnis. Das klingt nach einer Kleinigkeit und ist der Unterschied zwischen einer Vorlesung und einem Suchspiel: Wer nicht sieht, wo er gerade ist, hört sonst nach jedem Klick wieder die halbe Seite.

Wissens-Checks nutzen normale Auswahlfelder, keine nachgebauten. Nachgebaute Bedienelemente sind der häufigste Grund, warum ein Formular für Hilfsmittel unsichtbar bleibt.

Und der Punkt, an dem sich Barrierefreiheit in Schulungen üblicherweise entscheidet: die Zuordnungsaufgabe. Eine Aufgabe, die nur mit der Maus und nur durch Ziehen lösbar ist, schließt zuverlässig Menschen aus. Dieselbe Frage lässt sich jetzt auf drei Wegen beantworten, per Ziehen, per Tastatur oder über ein Auswahlfeld. Jede Bewegung wird angesagt.

Dazu Vertonung mit Transkript, saubere Überschriftenhierarchie ohne Sprünge, sichtbarer Fokusrahmen, Rücksicht auf reduzierte Bewegung, Mindestgrößen für Klickziele und Kontrastwerte im Design.

Was noch fehlt

Untertitel für eingebettete Videos fehlen, weil das Datenmodell des Video-Bausteins sie derzeit nicht vorsieht. Das ist eine echte Lücke, keine Kleinigkeit, und sie steht hier, weil sie hierhin gehört.

Wir haben vor zwei Wochen darüber geschrieben, dass die Erklärung zur Barrierefreiheit das einzige Compliance-Dokument ist, das die eigenen Mängel benennen muss, und dass nicht konform eine zulässige Antwort ist, solange man erklärt, was nicht geht. Es wäre albern, das zu schreiben und beim eigenen Produkt die Lücke wegzulassen.

Der Nebeneffekt

Eine Schulung, die per Tastatur läuft, ist auch für alle anderen schneller. Und eine, die auf Bildschirmleser Rücksicht nimmt, hat zwangsläufig eine Struktur, die man auch beim Überfliegen versteht. Barrierefreiheit ist selten nur für die, für die sie gemacht wird.

Mehr auf der Seite zum E-Learning und zur Erklärung zur Barrierefreiheit.

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