Vier mal zwanzig sind sechzig
Ein Raum mit vier Kühlgeräten zu je 20 kW trägt keine 80 kW redundant, sondern 60. An jedem Gerät kann trotzdem N+1 gepflegt sein. Das Etikett ist ein Versprechen, die Rechnung ist die Wirklichkeit.
N+1 ist eines der Etiketten, die überall kleben und selten nachgerechnet werden. Es steht in Betriebshandbüchern, in Notfallkonzepten und in Auditantworten, und es steht meistens am einzelnen Gerät.
Redundanz ist aber keine Eigenschaft eines Geräts. Sie ist eine Eigenschaft des Raums.
Die Rechnung, die das Etikett nicht macht
Ein Raum hat vier Kühlgeräte zu je 20 Kilowatt, installiert sind also 80. Die Wärmelast liegt bei 65 Kilowatt. An jedem der vier Geräte ist ordnungsgemäß N+1 hinterlegt.
Trotzdem ist der Raum nicht N+1. Denn N+1 heißt: Es funktioniert auch, wenn die größte Einheit ausfällt. Fällt eines der Geräte aus, bleiben 60 Kilowatt. Die Last beträgt 65. Es fehlen fünf.
Vier mal zwanzig sind achtzig, aber im Redundanzfall sind es sechzig. Genau diese Differenz zwischen dem gepflegten Etikett und der abgeleiteten Wirklichkeit ist der Befund, auf den es ankommt.
Gemeldet wird dabei nur eine Richtung. Wer weniger liefert als versprochen, bekommt einen Hinweis. Wer mehr liefert als versprochen, hat kein Problem und braucht keine Meldung.
Und wenn es doch passiert: wie lange?
Die zweite Frage stellt sich unmittelbar danach. Wenn die Kühlung ausfällt, wie viel Zeit bleibt, bevor es kritisch wird?
Das ist die heikelste Zahl im ganzen Modul, weil sie so überzeugend aussieht. „In 14 Minuten kritisch" wirkt wie das Ergebnis einer Strömungssimulation, und wer sie liest, plant danach.
Deshalb gilt eine strenge Rangfolge. Liegt Temperaturhistorie vor, zählt die tatsächlich beobachtete Aufheizrate. Und zwar nicht der größte gemessene Stundenhub, sondern der zweitgrößte, weil der größte auch ein Sensortausch gewesen sein kann.
Ohne Historie gibt es eine physikalische Näherung über die Wärmekapazität der Raumluft, mit ausgeschriebenen Annahmen und sichtbarer Kennzeichnung, dass es eine Näherung ist.
Und ohne gemessene Temperatur gibt es gar keine Zeitangabe. Eine Zeit ab einer angenommenen Starttemperatur wäre eine erfundene Zahl, und erfundene Zahlen sind in einem Notfallplan schlimmer als fehlende. Ausgangspunkt ist außerdem die wärmste Stelle im Raum, nicht der Mittelwert.
Dieselbe Regel eine Etage tiefer
Auf der Stromseite gilt dasselbe Prinzip. Ein Drehstromnetz ist für gleiche Last auf allen drei Außenleitern ausgelegt. Bei Schieflast fließt die Differenz über den Neutralleiter zurück, und der ist in älteren Anlagen schwächer dimensioniert als die Außenleiter.
Eine Anlage kann bei 60 Prozent Gesamtauslastung bereits an einer Phase im Grenzbereich stehen, ohne dass irgendeine Gesamtzahl das zeigt. Die Summe verrät die Schieflast nicht.
Auch hier wird nichts erfunden: Ein Abgang, bei dem der Außenleiter nicht gepflegt ist, geht nicht in die Bilanz ein und wird auch nicht hilfsweise auf L1 gelegt. Eine erfundene Zuordnung zeigte eine dramatische Schieflast, die es gar nicht gibt, und weil das aussieht wie ein Befund, würde jemand danach handeln.
Worauf es hinausläuft
Drei Zahlen, die im Betrieb zählen, stehen in keinem Datenblatt: was übrig bleibt, wenn die größte Einheit fehlt, wie schnell der Raum warm wird, und wie ungleich die Last auf den Phasen liegt.
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