Auf die, die die Rücksicherung testen
Stille Arbeit, Folge 1: Eine Datensicherung, die jede Nacht grün meldet, sagt nichts darüber, ob sich aus ihr etwas zurückholen lässt. Das weiß nur, wer es ausprobiert, an einem Dienstagnachmittag, ohne Anlass und ohne Publikum. Warum der IT-Grundschutz genau das als Basis-Anforderung verlangt, und warum es trotzdem so selten jemand sieht.
Oktober ist der Europäische Monat der Cybersicherheit. Wir nehmen ihn zum Anlass für eine neue Reihe am Freitag: Stille Arbeit, über Handgriffe, die in keinem Bericht auftauchen und ohne die trotzdem nichts funktioniert. Folge 1 gehört denen, die die Rücksicherung testen.
Die Szene ist unspektakulär. Ein Dienstagnachmittag, kein Vorfall, keine Prüfung angekündigt. Jemand im IT-Betrieb nimmt eine Sicherung von letzter Woche und spielt sie auf einen leeren Server zurück. Nicht eine Datei, sondern das ganze System, mit Datenbank und Anwendung. Dann wird gemessen, wie lange es gedauert hat, und nachgesehen, ob die Anwendung danach wirklich startet.
Was die grüne Meldung nicht sagt
Die Sicherungssoftware meldet jede Nacht „erfolgreich“. Das heißt: Die Daten wurden geschrieben. Es heißt nicht, dass sie sich lesen lassen, dass die Datenbank danach konsistent ist, dass der Schlüssel für die verschlüsselte Sicherung noch existiert oder dass die Wiederherstellung in einer Zeit gelingt, die das Geschäft verkraftet.
Der IT-Grundschutz beschreibt genau diese Lücke als eigene Gefährdung im Baustein CON.3 Datensicherungskonzept:
„Werden Daten regelmäßig gesichert, gewährleistet dies nicht automatisch, dass diese auch problemlos wiederhergestellt werden können.“
Und er zieht daraus eine Basis-Anforderung, also eine, die jede Institution erfüllen muss, CON.3.A15:
„Es MUSS regelmäßig getestet werden, ob die Datensicherungen wie gewünscht funktionieren, vor allem, ob gesicherte Daten einwandfrei und in angemessener Zeit zurückgespielt werden können.“
„In angemessener Zeit“ ist der Teil, der gern überlesen wird. Eine Sicherung, aus der sich die Buchhaltung in vier Tagen wiederherstellen lässt, ist technisch intakt und praktisch wertlos, wenn der Betrieb nach einem Tag stillsteht.
Warum es niemand sieht
Ein gelungener Test hat kein Ergebnis, das jemand bemerkt. Es passiert nichts, und genau das war das Ziel. Ein misslungener Test dagegen ist unangenehm: Er zeigt, dass eine Sicherung, auf die sich alle verlassen haben, nicht trägt. Wer ihn macht, bringt also entweder keine Nachricht oder eine schlechte. Beides wird selten gedankt.
Dazu kommt, dass der Test Zeit kostet, die in keinem Ticket steht, und einen Server braucht, der gerade nichts anderes tun soll. Deshalb wird er verschoben, bis der Ernstfall ihn erledigt. Dann ist es kein Test mehr.
Der Baustein nennt noch eine zweite Falle: Liegt die Anleitung zur Wiederherstellung nur digital vor, kann sie „bei Großschäden (wie Ransomware) ebenfalls verloren“ gehen. Wer testet, merkt das, weil er die Anleitung dabei tatsächlich braucht.
Auf sie
Auf die, die an einem gewöhnlichen Nachmittag eine Sicherung zurückspielen, die Minuten aufschreiben und das Ergebnis ablegen, auch wenn es schlecht ist. Sie sind der Grund, warum im Ernstfall jemand sagen kann, wie lange es dauert, statt es zu schätzen.
Quellen
BSI IT-Grundschutz-Kompendium, Baustein CON.3 Datensicherungskonzept, Edition 2023, Gefährdungen 2.2 und 2.4, Anforderung CON.3.A15. Europäischer Monat der Cybersicherheit (ENISA).
In der nächsten Folge: Auf die, die um 17:55 den Phishing-Verdacht noch melden.
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