Eine Störung ist noch kein Notfall
Grundbegriffe, Folge 9: Störung, Notfall, Krise. Drei Wörter, die im Ernstfall darüber entscheiden, wer zuständig ist: der normale Betrieb, der Notfallstab mit seinen Plänen oder ein Krisenstab ohne Plan. Wie BSI-Standard 200-4 die drei abgrenzt und welche zwei Fragen in den ersten Minuten genügen.
Dienstag, 9:15 Uhr. Das Fachverfahren für die Anträge antwortet nicht. Die IT-Hotline nimmt ein Ticket auf. Um 10:30 Uhr läuft es immer noch nicht, und im Flur fällt das erste Mal das Wort „Notfall“. Die Leitung fragt, ob jetzt der Stab zusammenkommen muss. Niemand ist sicher.
Das ist kein Mangel an Einsatz. Es fehlt eine gemeinsame Sprache. Störung, Notfall und Krise werden im Alltag als Steigerungen von „schlimm“ benutzt. Im Business Continuity Management sind sie mehr: Jedes der drei Wörter bestimmt, welche Organisation zuständig ist und mit welchen Mitteln sie arbeitet.
Störung: der Normalbetrieb kümmert sich
BSI-Standard 200-4 definiert in Kapitel 2.1:
„Eine Störung ist eine Situation, in der Prozesse oder Ressourcen nicht wie vorgesehen zur Verfügung stehen.“
Störungen werden in der Regel im Normalbetrieb behoben, durch die Allgemeine Aufbauorganisation, also die gewohnten Zuständigkeiten, und mit den vorhandenen Prozessen der Störungsbeseitigung oder des Incident-Managements. Der Standard betont aber auch: Eine Störung kann zum Notfall eskalieren, wenn sie nicht in angemessener Zeit behoben werden kann.
Notfall: die Zeit entscheidet, und es gibt einen Plan
Ein Notfall ist nach 200-4 „eine Unterbrechung des Geschäftsbetriebs, die mindestens einen zeitkritischen Geschäftsprozess betrifft, der nicht im Normalbetrieb innerhalb der maximal tolerierbaren Ausfallzeit wiederhergestellt werden kann“. Für seine Bewältigung braucht es die Besondere Aufbauorganisation, also einen Stab mit eigenen Zuständigkeiten und Entscheidungswegen. Und anders als bei der Krise liegen dafür Pläne vor, oder vorhandene Pläne lassen sich anpassen.
Bemerkenswert ist ein Satz, den viele überlesen: Der Notfall darf ausgerufen werden, bevor der Geschäftsbetrieb tatsächlich unterbrochen ist. „Es genügt die Gefahr, dass durch das Schadensereignis der Geschäftsbetrieb unterbrochen wird.“ Wer erst ruft, wenn die Ausfallzeit überschritten ist, ruft zu spät.
Wichtig ist auch der Zusatz „im Sinne dieses Standards“. Im Brandschutz oder beim Schutz von Leib und Leben heißt Notfall etwas anderes. Wer beides im selben Haus verantwortet, sollte das im Notfallhandbuch auseinanderhalten.
Krise: kein passender Plan
Eine Krise ist ein Schadensereignis, das sich erheblich negativ auf die Institution auswirkt und nicht im Normalbetrieb bewältigt werden kann. Der Unterschied zum Notfall liegt nicht in der Größe, sondern in der Vorbereitung:
„Im Gegensatz zu einem Notfall liegen zur Bewältigung einer Krise jedoch keine spezifischen Notfallpläne vor.“
Der Stab muss also entscheiden, ohne sich auf vorbereitete Schritte stützen zu können. Der Standard illustriert das am Stromausfall: in einer Werkstatt eine Störung, in einem großen Gebäudeteil mit zeitkritischen Prozessen ein Notfall, überregional mit betroffenen Ausweichstandorten eine Krise.
Zwei Fragen für die ersten Minuten
200-4 setzt die Abgrenzung bewusst an der Zeit an, damit sie im Ereignis schnell gelingt. Es müssen nur zwei Dinge festgestellt werden:
- Ist ein zeitkritischer Geschäftsprozess betroffen, der innerhalb seiner maximal tolerierbaren Ausfallzeit nicht im Normalbetrieb wiederhergestellt werden kann? Wenn nein, ist es eine Störung.
- Gibt es passende Notfallpläne, oder lassen sie sich anpassen? Wenn ja, ist es ein Notfall. Wenn nein, ist es eine Krise.
Beide Fragen lassen sich im Ernstfall nur beantworten, wenn die Arbeit vorher gemacht ist: Welche Prozesse zeitkritisch sind und wie lange sie ausfallen dürfen, steht in der Business-Impact-Analyse, nicht im Gedächtnis der Leitung. In isidaten hält die BIA genau diese Werte je Prozess fest.
Quellen
BSI-Standard 200-4, Business Continuity Management, Version 1.0 (Mai 2023), Kapitel 2.1 Begriffe.
Nächsten Sonntag in den Grundbegriffen: RTO, RPO, MTPD und WRT, vier Zeiten, die ständig verwechselt werden.
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